25.06.2012 Information: Helle Köpfe und grosser volkswirtschaftlicher Nutzen

  • Veröffentlicht am: Jun 25, 2012

«Kinder? Kinder!» Dieser Aufruf begleitet Jrène Bernet als erfahrende Stellenleiterin des Kinderhütediensts der Frauenzentrale St.Gallen. Dabei kommt immer wieder auch der Kostenaspekt der familienergänzenden Kinderbetreuung zur Sprache. Wer ist bereit, wie viel zu zahlen? Und welches ist der volkswirtschaftliche Nutzen? Verschiedene Untersuchungen zeigen, dass sich die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie langfristig auszahlt und dass es sich lohnt, darin zu investieren.

In den Beratungsgesprächen sieht Jrène Bernet oft, dass sich Mütter ihrer enormen Leistungen nicht bewusst seien: «Wenn sie sich diese nach marktwirtschaftlichen Ansätzen bezahlen liessen, würden sie staunen.» Es müsste also logisch sein, dass auch die Fremdbetreuung der Kinder seinen Preis hat. Doch weit gefehlt, erzählt sie: «Ein Vater wollte für seine vier Kinder eine ausgebildete Kinderbetreuerin, möglichst eine Lehrerin. Er war bereit, acht Franken pro Stunde zu zahlen. Auf meine Intervention, ob er für diesen Lohn arbeiten würde, war die Antwort: «Sicher nicht! Aber ich arbeite ja auch etwas Richtiges.»

Anständige Entlöhnung nötig
Laut Bundesamt für Statistik werden pro Woche im Durchschnitt 60 bis 70 Stunden von der Frau und 27 bis 32 Stunden vom Mann an reiner Haus- und Familienarbeit geleistet. Der durchschnittliche Stundenlohn für Haus- und Familienarbeit beträgt 36.10 Franken, wobei die reine Arbeit mit Kindern mit 44.50 Franken zu Buche steht. Kinderbetreuung wird als Arbeit mit erhöhten Anforderungen berechnet und deshalb höher taxiert. Jrène Bernet:  «Es ist mir klar, dass diese Tarife für die wenigsten Familien bezahlbar sind. Unsere aktuellen Stundenlöhne liegen bei 22 bis 25 Franken brutto für nicht ausgebildete Erwachsene mit Erfahrung, bei 25 bis 30 Franken für ausgebildete Kinderbetreuerinnen. Es ist mir äusserst wichtig, die beste Betreuungsmöglichkeit für Kinder und Eltern zu finden. Genauso wichtig sind aber auch anständige Entlöhnung und gute Arbeitsbedingungen für die Betreuenden. Nur so wird die Kinderbetreuung für beide Seiten zum Gewinn.»

Volkswirtschaftlicher Nutzen
Die familienergänzende Kinderbetreuung bringt sogar der gesamten Gesellschaft einen Gewinn, wie eine Studie des Sozialdepartements der Stadt Zürich berechnet: Danach ist der volkswirtschaftliche Nutzen eines Krippenbesuchs drei- bis viermal so hoch ist wie seine Kosten. Und die familienergänzende Kinderbetreuung bringe den Kindern selbst Vorteile. Ihre soziale Entwicklung werde durch die Beziehungen mit andern Knaben und Mädchen gefördert. Zudem arbeiteten pädagogisch ausgebildete Betreuungspersonen gezielt mit den Kindern.

Nutzen bis dreimal so hoch
In der Region Bern hat sich eine Studie ebenfalls mit dem volkswirtschaftlichen Nutzen von Kindertageseinrichtungen beschäftigt: Das Büro für arbeits- und sozialpolitische Studien in Bern kommt in der kurzfristigen Betrachtung auf ein Nutzen-Kosten-Verhältnis von 1.5 bis 2 Franken pro investiertem Franken in die Kinderbetreuung in der Region Bern. Langfristig fliessen laut Studie 2.6 bis 3.5 Franken in die Gesamtgesellschaft zurück.

Förderlicher Standortfaktor
Auch das Fazit der Abklärung über den finanziellen Nutzen von Kinderbetreuungsangeboten der Gemeinde Horw lässt sich sehen: Das Institut für Betriebs- und Regionalökonomie an der Hochschule für Wirtschaft in Luzern hat ausgerechnet, dass der Gesamtnutzen die Kosten deutlich übersteige. Auch die gesamtwirtschaftliche Wertschöpfung werde positiv beeinflusst. Aus Sicht der Gemeinde seien es primär die eingesparten beziehungsweise verminderten Sozialhilfekosten, die auf der Nutzenseite ins Gewicht fallen. Die zusätzlichen Steuereinnahmen machen in Horw immerhin mehr als 40 Prozent der Gemeindeausgaben an Kinderbetreuungsangebote wieder gut. Der Kosten-Nutzen-Faktor beträgt für die Gemeinde aufgrund der vorliegenden Studie insgesamt 1.8. Für Familien der oberen Einkommensklassen mit Kindern und Jugendlichen seien Kinderbetreuungsangebote ein besonders förderlicher Standortfaktor.

Kinderkrippen machen helle Köpfe
Aufhorchen lässt eine Schlagzeile in der Neuen Zürcher Zeitung: «Kinderkrippen machen helle Köpfe» titelte das Blatt und wies auf Erkenntnisse der Neurowissenschaften hin. Vor allem die ersten Jahre von Kindern für die Entwicklung ihrer kognitiven und sozialen Fähigkeiten seien entscheidend. Und dieser Prozess werde vom familiären Umfeld positiv oder negativ (mit-)geprägt. Das familiäre Umfeld habe sich aber in den vergangenen Jahren stark verändert. So liessen sich immer mehr Ehepaare scheiden, und oft kümmere sich nur ein Elternteil um den Nachwuchs. Und, so die NZZ weiter: «Angesichts dieser empirischen Fakten vermag es zu verwundern, wenn sich Gesellschaften gegen den Ausbau vorschulischer Betreuungseinrichtungen sträuben, denn daraus könnte eine dreifache Dividende resultieren. Erstens werden die Chancen der Frauen verbessert, Beruf und Karriere miteinander zu vereinbaren. Zweitens profitieren auch die Kinder, die diese Einrichtungen besuchen, davon, da sie eines Tages mit besserer Qualifikation ein höheres Einkommen erzielen können und die Gefahr für sie, arbeitslos zu werden, sinkt. Drittens hat eine Gesellschaft als Ganzes davon einen Nutzen, denn die Wachstumsraten erhöhen sich.»

Bessere Pisa-Tests
Die NZZ geht aber noch weiter: «Gemäss Studien des Ökonomen Ludger Wössmann von der Universität München schneiden Schüler, die zuvor länger als ein Jahr lang eine vorschulische Einrichtung besucht haben, bei den Pisa-Tests deutlich besser ab als ihre gleichaltrigen Kollegen, die nie oder nur ein Jahr lang in einer vorschulischen Kinderbetreuung waren. Das schlägt sich auch in höheren Wachstumsraten nieder. Je besser in der Vergangenheit die Leistungen der Schüler bei den internationalen Vergleichstests waren, desto höher war das zwischen 1960 und 2000 gemessene durchschnittliche Wachstum des realen Bruttoinlandprodukts pro Kopf in einem Land. Helle Köpfe werden so zum Motor für Innovationen und technischen Fortschritt und erhöhen das langfristige Wachstumspotenzial eines Landes.»