06.10.2005 Presseartikel: Armutsfalle Einelternfamilie

  • Veröffentlicht am: Okt 06, 2005

Fehlende oder viel zu teure Kinderbetreuung, soziale Vereinsamung, unterschiedliche Alimentenbevorschussung – das sind Stichworte zum Thema Einelternfamilien.

Seit Jahren belegen Studien und Statistiken, dass Kinder in Einelternfamilien ganz besonders von Armut betroffen sind. Die Untersuchung «Child Poverty in Rich Countries 2005», die kürzlich vom Uno-Hilfswerk UNICEF veröffentlicht wurde, belegt, dass die Art der staatlichen Sozialausgaben mindestens ebenso wichtig ist, wie ihre Höhe.

In der Schweiz fehlen nach wie vor qualitiativ gute familienexterne Kinderbetreuungsplätze. Zudem gibt es immer noch viel zu wenig existenzsichernde Teilzeitstellen, welche das Vereinbaren von Beruf und Famlie ermöglichen.

Wie nötig solche Einrichtungen wären, zeigt das Beispiel von S.B. Sie wohnt in einem kleinen Dorf in der Region. Die gelernte Psychiatrieschwester ist Mutter von drei Kindern im Alter von 5, 7 und 11 Jahren und macht zur Zeit eine Zweitausbildung. «Mir würden Blockzeiten in der Schule schon sehr helfen», sagt die 40-jährige. «Noch besser wäre natürlich eine Tagesschule oder mindestens ein Mittagstisch». Da dies alles in dem kleinen Dorf nicht existiert, ist S.B. auf eine Tagesmutter angewiesen. Obwohl sich deren Bezahlung nach dem Einkommen richtet und S.B. den geringsten Betrag überweisen muss, beläuft sich diese Ausgabe auf rund 400 Franken pro Monat.

Existenzangst und soziale Vereinsamung

Das Geld reicht kaum zum Überleben. Gegen Ende des Monats gibt es für die Kinder keine Extras mehr, kein Schöggeli, kein Guetzli. «Die Kinder verstehen das nicht, aber die Sorge, mit dem Geld nicht über die Runden zu kommen, ist enorm gross – ich lebe seit Jahren am Existenzminimum.» sagt S.B. dazu.

Nebst den Geldsorgen kämpft S.B. mit einer weiteren Belastung. «Ich merke, wie ich sozial vereinsame». Gespräche mit Erwachsenen fehlen ihr, der Austausch, manchmal auch nur die Möglichkeit auf andere Gedanken zu kommen, mit jemandem seine Sorgen zu teilen oder zu lachen. Das einzige Hobby, das sie sich leisten kann, ist das Joggen. Doch selbst dafür braucht es Geld. «Die soliden Schuhe spare ich mir mühsam zusammen.»

Zukunft ungewiss

Wie sieht sie ihre Zukunft? «Ich hoffe nach meiner Ausbildung meine Arbeitszeiten dem Rythmus der Kinder anpassen zu können.» Doch einfach wird es nicht. Sollte sich die Familienpolitik in absehbarer Zeit zugunsten der Einelternfamilien ändern, so sähe die Zukunft für die vierköpfige Familie und viele anderen Einelternfamilien um einiges besser aus.

Quelle: Winterthurer Zeitung (06.10.05)